Einen Schritt tiefer in den Wald...

Johanna Bachmann ist nicht mein erster Kupferwald-Charakter, aber sie wird die erste sein, die dich so richtig tief mit hinein nimmt. 

Ihre Tagebuch-Einträge werden von Zeit zu Zeit (also jeden Sonntag) hier auftauchen und wenn du möchtest, dann darf sie dich in den Wald hinein entführen, sodass du nicht nur durch Bilder und Mini-Texte einen Eindruck von dieser Welt bekommst, sondern die Gefühle einer echten Augenzeugin miterleben darfst.

Für mich selbst habe ich sie erschaffen, damit auch ich tiefer in die Welt eintauche. Ihre sehr kurzen Einträge sollen auch mir selbst helfen, einen Schritt in den Wald zu gehen und herauszufinden, wie ich vom Kupferwald erzählen möchte. Ich werde mich mit ihr ausprobieren.

Ihre Geschichte wird nur eine von vielen sein, und die der anderen werden wahrscheinlich nur in Buchform erscheinen. Johanna dürft ihr hier begleiten.

Die letzten Tage der Johanna Bachmann

Kopie des Tagebuchs


Katalogisiert in der 
Bibliothek zu Kupferberg

Zu Studienzwecken des Forschungszentrums Kupferberg, 
spezialisiert auf die Forschung, Erkundung und Kartographie des Kupferwaldes

 

08.02.2026
Eintrag 1

Ich habe nichts mehr. Nichts mehr, wozu ich nach Hause kommen könnte, niemanden mehr, der noch auf mich wartet. Und um ehrlich zu sein, will ich auch nicht mehr von dem davor schreiben. Das einzige was zählt, ist, dass ich nichts mehr zu verlieren habe. Und das bedeutet etwas ganz Entscheidendes: wenn ich nichts mehr zu verlieren habe, dann habe ich alles zu gewinnen. 

Ich werde mich auf einen Weg machen, den die Wenigsten sich trauen zu gehen. Die, die ihn gehen, kommen entweder nicht zurück, oder sie haben ihren Verstand verloren. 
Ich hoffe, dass ich selbst zu denen zählen werde, die nicht zurückkommen. 
In meiner Vorstellung haben sie etwas gefunden, wofür es sich zu bleiben lohnt. Ein neues Leben, Hoffnung, etwas Schönes. Zumindest hoffe ich, dass so etwas auf mich wartet. 
Und wenn nicht, dann bin ich auch zufrieden damit, an diesem Ort zu sterben. Nur zurückkommen will ich nicht mehr. 
Ich schreibe dieses Tagebuch, um sicherzugehen, dass ich mich erinnere. 

Denn die Menschen, die bisher zurückgekommen sind, wussten nichts mehr von ihrer Zeit im Wald. Man konnte die Spuren auf ihren Körpern sehen, doch sie wussten nicht mal mehr, wie sie hießen. Also werde ich genau damit beginnen, damit ich es nicht vergesse: 
Mein Name ist Johanna Bachmann. Und heute ist der Tag, an dem ich den Kupferwald betrete. 

 

15.02.2026
Eintrag 2

Ich dachte wirklich, dass sofort etwas passieren würde. Ich dachte, wenn ich den Wald betrete, dann wäre ich sofort in einer anderen Welt. So viele Mythen rankten sich um diesen Ort und die Angst, die man uns in all den Geschichten machte, musste doch irgendwo her kommen? 

Stattdessen befand ich mich die letzten zwei Tage einfach nur in einem ganz normalen Wald. 
Die Bäume waren wunderschön, keine Frage, und auch die Pilze zeigten sich in ihrer Pracht. Doch es waren normale Pilze, genau die gleichen, die ich schon von Zuhause kannte. 
Das war zwar ganz gut, weil ich so nicht direkt meine Vorräte aufbrauchen musste. Andererseits breitete sich jedoch auch eine ganz seltsame Enttäuschung in mir aus. Auch wenn mir all die Geschichten unheimliche Angst gemacht hatten, war eine andere Welt zu betreten doch genau das, was ich tun wollte. Und nun war ich seit zwei Tagen spazieren im Wald. 

Nachtrag: Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich habe so etwas wie eine Fee gesehen. Gerade eben, in der Dämmerung. Ich hatte mich schon zum Schlafen hingelegt. Aber vielleicht war es auch eine Sinnestäuschung? 
Ein Schmetterling im letzten Tageslicht? Doch der Körper war doch so eindeutig menschenähnlich! Nur so winzig klein. Meine Hände zittern noch, ich kann kaum schreiben. 
Das war's jetzt mit schlafen. Ich packe meine Ausrüstung wieder zusammen und versuche, die Fee nochmal zu entdecken. Und wenn ich sie finden sollte, will ich ihr folgen.

 

22.02.2026
Eintrag 3

Ich will schreien. Was zur Hölle habe ich mir dabei gedacht, hierher zu kommen? Ich war frei, ich hätte alles tun können. Wie dumm kann man nur sein? 

Vier Tage, seit ich die Fee gesehen habe. Vier Tage, seit ich ihr gefolgt bin, vier Tage auf der Flucht. 

Und jegliche Orientierung habe ich nun auch verloren. Ich habe keine Ahnung, wie ich aus diesem verfluchten Wald wieder rauskommen kann. Egal, in welche Richtung ich gehe, die Bäume nehmen kein Ende. Sie sehen so gleich aus, alles sieht so gleich aus. 

Ich glaube nicht, dass es mich noch verfolgt. Ich glaube, ich konnte entkommen. 

Dafür habe ich die Hälfte meiner Ausrüstung verloren und einige Schrammen und blaue Flecken mitgenommen. 

Aber was zur Hölle war das eigentlich für ein Ding? Beine wie die von Ziegen, Hörner auf dem Kopf und auch die Haut ganz grün und blau. Und diese Augen. So gelb. So strahlend. So bösartig. 

Als ich es gesehen habe, bin ich sofort losgerannt. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass es mir folgt. Bis heute morgen zumindest. Da war es plötzlich weg, als wäre alles wieder normal. Als wäre das hier ein ganz gewöhnlicher Wald. Aber das ist es nicht. Dieser Wald ist verflucht. Hier leben Wesen, die nur Monster sein können. 

Die Fee hat mich zu diesem Ding geführt, und um ihn herum war ein ganzer Schwarm von diesen Feen-Viechern. Aber mehr konnte ich nicht erkennen, bevor ich gerannt bin. Ich muss nun schauen, wie ich weiter mache. Ich habe keine Schlafausrüstung mehr, also muss von nun an der blanke Boden herhalten. Und das Essen habe ich auch verloren, aber zum Glück kenne ich mich mit Pilzen und Pflanzen aus und vielleicht kann ich eine Falle für ein Tier bauen. Falls ich mich trauen sollte, irgend etwas lebendiges aus diesem Wald zu essen.

 

01.03.2026
Eintrag 4

Man fühlt sich immer so mutig, wenn man die Pläne macht. Habe ich zu Beginn nicht noch geschrieben, dass ich hier auch sterben könnte? Dass das in Ordnung für mich wäre? Dass mir das sogar lieber wäre, als wieder aus dem Wald raus zu gehen?

Ist es nicht. Gar nichts ist in Ordnung. 

Und ich will nicht sterben. 

Vor allem nicht hier. 

Aber wahrscheinlich wird es so kommen. 

Ich wüsste nicht, was sonst passieren sollte. 

 

08.03.2026
Eintrag 5

Ich habe schon fast wieder an mir gezweifelt. Ich war nicht mehr sicher, ob ich wirklich gesehen habe, was ich gesehen habe, oder ob nicht doch die Fantasie mit mir durchgegangen ist. 
Bis meine Falle dann heute tatsächlich zugeschnappt ist. 
Was immer ich da gefangen habe, ist nicht normal. 

Es sieht aus wie ein Hase. Weiß, mit orangen Flecken im Fell. So weit komme ich damit ja noch klar, aber was zur Hölle sind das für Löcher in seinem Körper? Schwarze, leere Lücken im Fell, ich traue mich gar nicht, sie anzufassen. Eine Krankheit vielleicht?

Und aus seinem Rücken wachsen diese Schnüre heraus. Schwarz, wie Würmer. 
Die Falle hat diesen Hasen zum Glück sofort getötet. 
Aber essen werde ich ihn sicher nicht. 

 

15.03.2026
Eintrag 6, Teil 1

Ich habe einen Fluss gefunden und will ihm folgen. Ich bin jetzt etwas über zwei Wochen in diesem endlosen Wald. Wie viele Bäume gibt es eigentlich auf dieser  Welt? Sie müssen alle hier sein. 

Mit den Nahrungsmitteln komme ich gut hin. Ich finde mehr als genug. Und das Plätschern des Flusses ist mir eine willkommene Abwechslung zum eintönigen Klang der Blätter im Wind. Es wird mir Freude machen, ihm zu folgen. Und vielleicht führt er ja sogar aus dem Wald hinaus. 

Nachtrag: Das wars mit mir. Jetzt werde ich sterben. Das hier sind meine Abschiedsworte, mein letzter Eintrag. Ich habe einen Fisch gefangen im Fluss. Einen ganz gewöhnlichen. 

Alles war normal, als ich ihn gefangen habe, als ich ihn gebraten habe, auf einem kleinen Lagerfeuer. Aber als ich dann hinein biss, war er innen ganz schwarz. Es sah genauso aus wie bei dem Hasen, es muss die gleiche Krankheit sein, die der Hase hatte, nur noch nicht so weit vorangeschritten. 
Und wenn ich mich beim Hasen nicht angesteckt habe, dann spätestens jetzt. 
Ich werde von innen heraus verrotten, genauso wie der Fisch, genau  wie der Hase. 
Ich dachte schon, dass ich hier sterben würde. Aber ich dachte nicht, dass es so langweilig werden würde.

 

22.03.2026
Eintrag 6, Teil 2

Der Wald sieht mich. 

Da sind Augen. Sie schweben in der Luft, schauen mich an, beobachten mich. 

Ich will das nicht. 

Die Augen sollen weg gehen. 

Aber sie mit Steinen und Stöcken zu bewerfen macht nicht, dass sie weg gehen. 

Sie sind einfach da.

Sie schauen mich an. 

Ich kann sie nicht zählen. 

Es sind zu viele.

Ich weiß nicht, was sie wollen. 

Ich kann auch nicht wegrennen. Weil sie überall sind. 

Ich habe versucht, in ein Loch unter den Wurzeln zu kriechen, aber da waren sie auch.

Ich bin in den Fluss gesprungen, aber da waren sie auch. 

Ich schließe meine Augen, aber da sind sie auch. 

Ich will das nicht. 

Sie sollen weg gehen. 

Da ist so ein Ton. Ganz leise, wie Walgesang. 

Ich habe die Wale vor vielen Jahren einmal singen hören, auf meiner Reise übers Meer. 

Aber hier können doch keine Wale sein? 

Sind die Augen Wale? 

Singen die Augen? 

Oder wimmere ich und höre mich selbst? 

Ich will das nicht. 

Ich will, dass es aufhört. 

Es soll einfach aufhören. 

 

29.03.2026
Eintrag 7

Die Halluzinationen sind größtenteils vorbei, glaube ich. Zumindest die Augen sind verschwunden. Eins nach dem anderen hat sich geschlossen und war dann einfach weg. 

Aber ich sehe jetzt Dinge. 

Vielleicht habe ich sie auch vorher schon gesehen, aber einfach nicht wahrgenommen. 

Weil sie so winzig sind. 

Da sind Käfer, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Raupen, die ganz seltsame Farben haben und Pflanzen, die es in anderen Wäldern nicht gibt. 

Waren sie wirklich vorher nicht da oder wollte ich sie nicht sehen? Oder sind sie Nachfolgen der Halluzinationen, die der Fisch mir gebracht hat. 

Ich glaube, ich sterbe vielleicht doch nicht. Ich fühle mich eigentlich nicht anders als vorher. Vielleicht ist es aber auch eine langsame Krankheit. Oder die Halluzinationen waren das einzige Symptom, das mich erwartet. 

Ich kann es jedenfalls sowieso nicht mehr ändern, und irgendwie beruhigt es mich. 

Ich fühle mich im Wald angekommen. 

Als wäre es in Ordnung, hier zu sein, und hier zu leben und zu erkunden, bis ich dann doch irgendwann sterbe. 

Ich werde nur nicht nochmal einen Fisch essen, ohne ihn vorher anzuschneiden. 

Ich will diese Augen nie wieder sehen.

 

05.04.2026
Eintrag 8

Ich habe aus meinem Fehler gelernt und passe inzwischen deutlich besser auf, was ich esse. Und ich beobachte meine Umgebung genauer. 

Letztens habe ich einen Hasen vorbei huschen sehen. Genau so einen, wie ich es in meiner Falle hatte, mit den orangenen Punkten im weißen Fell und den großen schwarzen Flecken. Nur dass aus seinen Flecken Augen hinaus starrten. Aber vielleicht ist  das  auch noch eine Folge der Halluzinationen. Mir wäre es lieber, wenn ich mich verguckt hätte. 

Ich folge auf meiner Reise weiterhin dem Fluss und habe das Gefühl, immer wieder menschliche Spuren zu entdecken. Reste einer Falle oder ein verlassenes Nachtlager. Ich denke, ich bin hier nicht alleine und will nach diesem Menschen suchen. Wahrscheinlich folgt die Person auch dem Fluss, genau wie ich, und ich muss sie nur einholen. 
Ich  würde mich freuen, mal wieder mit jemandem zu reden. 

12.04.2026
Eintrag 9

Heute habe ich einen Menschen gesehen. Es war ein Mann, er war auf der anderen Flussseite und hat Kleidung gewaschen. Er ist einige Jahre älter als ich, aber noch nicht wirklich alt. 

Ich habe mich nicht raus getraut aus meinem Versteck. Eigentlich wollte ich es, doch ich war wie erstarrt. Wie lange bin ich nun keinem anderen Menschen mehr begegnet? 

Und kann ich ihm überhaupt genug vertrauen, um mich zu zeigen? 

Wer weiß, was ihn hierher getrieben hat. Wer weiß schon, was er hier macht? 

Kein normaler Mensch würde einfach so den Kupferwald betreten. 

Aber ich bin ja auch hier. 

Und ich bin ja nicht böse. 

Ich habe beobachtet, wo er sein Nachtlager aufschlägt und mein eigenes in sicherer Entfernung errichtet. 

Vielleicht traue ich mich ja morgen aus meinem Versteck. 


 

 

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